Zypern sei nicht "systemrelevant" und solle daher keine Hilfen aus den europäischen Rettungsschirmen erhalten, meint Finanzminister Schäuble. Der Präsident der EZB Mario Draghi widerspricht dem mit aller Entscheidenheit und bekommt dabei Unterstützung von EU-Währungskommissar Olli Rehn ESM-Chef Klaus Regling. Draghi behauptet, durch das ausgedehnte Filialnetz zyprischer Banken in Griechenland, könnte eine Pleite Zyperns zur Verunsicherung der griechischen Sparer beitragen und so auf das griechische Bankensystem "überspringen".

Diese Sichtweise lässt sich bei der Betrachtung der Zahlen nur schwer aufrechterhalten. Die Bilanzsumme aller zyprischen Banken 2011 beträgt gerade einmal 110 Mrd. Euro, das entspricht etwa fünf Prozent der Bilanzsumme der Deutschen Bank. Die Aktiva der zyprischen Banken werden zu 72 Prozent über Bankeinlagen finanziert, die Verpflichtungen gegenüber ausländischen Banken betragen nur 15 Mrd. Euro. Der größte Teil der Bankleinlagen gehört inländischen (32 Mrd. Euro) und osteuropäischen, meist russischen (23 Mrd. Euro) Bankkunden, nur 17 Mrd. Euro Bankeinlagen gehören griechischen Kunden. Dazu kommt, dass die EU-weit geltende Einlagensicherung alle Guthaben bis 100.000 Euro versichert, entsprechend unwahrscheinlich erscheint also insgesamt die Wahrscheinlichkeit der "Ansteckung" Griechenlands durch eine zyprische Staatspleite.

Tatsächlich geht es Draghi und Konsorten eher um eine "implizite" Systemrelevanz. Nahezu alle Entscheidungsträger der Eurozone werden seit Monaten nicht müde, Bürgern und Anlegern weiszumachen, dass in Sachen Eurokrise das Schlimmste "hinter uns liege" bzw. "vorüber sei". Dabei dient als Maß aller Dinge die gesunkenen Renditen für die Staatspapiere der PIIGS-Staaten, die wirtschaftlichen Bedingungen in Spanien und Griechenland mit Rekordarbeitslosigkeit und schrumpfender Wirtschaften werden dagegen verschwiegen bzw. ignoriert. Die Staatspleite des unbedeutenden Zyperns reicht daher aus, um die Eurokrise wieder in das Zentrum der Aufmerksamkeit aller zu katapultieren. Das der Schleier der trügerischen Ruhe fällt, gilt es daher für Draghi und Co. dringend zu verhindern, eine Rettung Zyperns können sich die Entscheidungsträger dagegen hinterher als "erfolgreiches Krisenmanagement" auf die Fahnen schreiben.

Am geschicktesten geht dabei Finanzminister Schäuble vor: Er lehnt die Zypernrettung offen ab und gefällt damit dem krisenmüden deutschen Wähler. Dass er sich mit dieser Haltung aber schlussendlich nicht durchsetzen wird, kann ihm und der Kanzlerin im Hinblick auf die kommende Bundestagswahl nur recht sein: Zypern wird gerettet, die Opposition stimmt zähnekrischend zu, Kanzlerin Merkel zementiert ihren zweifelhaften Ruf als erfolgreiche Krisenmanagerin.

Aktuell liegt das zyprische Hilfsersuchen auf Eis, man wartet den am 24. Februar stattfindenden zweiten Wahlgang der Präsidentenwahl ab. Die Eurogruppe hofft, dass eine Abwahl des kommunistischen Präsidenten Christofias und Wahl des Konservativen Anastasiades zu einer schnelleren Erfüllung der Bedingungen für die Rettungskredite auf zyprischer Seite erfüllt. Am 25. Januar hatte die Ratingagentur Fitch die Kreditwürdigkeit Zyperns erneut von „BB-“ auf „B“ mit negativem Ausblick gesenkt. Erst Ende November hatte Fitch die Bonitätsnote Zyperns bereits um zwei Stufen gesenkt.

Quelle:
http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/finanzhilfen-fuer-zypern-ezb-chef-draghi-geht-schaeuble-an-a-879884.html
http://www.handelsblatt.com/politik/international/kontroverse-um-zypern-hilfe-draghi-kritisiert-deutsche-haltung-seite-all/7693640-all.html
http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/mayers-weltwirtschaft/mayers-weltwirtschaft-und-nun-zypern-12040353.html